100 JahreLindenhof

Stele 6 – Lindenhof-Erweiterung

Ab 1929 wurde der Lindenhof auf dem nördlich angrenzenden Areal um zwei Gebäude-Ensembles erweitert. Zunächst entwarfen die Architekten Lassen und Jürgensen eine kammartige Flachbebauung entlang der Eythstraße, deren Rückgrat viergeschossige Häuserzeilen bilden, die von nach Süden geöffneten Vorhöfen unterbrochen werden, welche wiederum eingerahmt werden von dreigeschossigen Hausgruppen. Vom Baustil her völlig anders als der Lindenhof von Martin Wagner, vollzog sich hier eine Abkehr von der Gartenstadt-Idee hin zu Konzepten des Neuen Bauens mit den Schlagworten „Licht, Luft und Sonne“. Diese von der Bauhaus-Bewegung inspirierte Architektur mit langen Häuserzeilen ermöglichte die schnelle und kostengünstige Errichtung einer großen Anzahl von Wohnungen mit praktischem Schnitt, diente jedoch nicht zuletzt auch der Abschirmung des bestehenden Lindenhofs von der Lärm- und Geruchsimmission, die von dem sich weiter nördlich anschließenden Industriegebiet ausgingen, das in den 1920er-Jahren dort entstanden war.

Das Erweiterungsprojekt war nicht unumstritten innerhalb der Genossenschaft. Viele Mitglieder hatten Zweifel, ob ein solch großes Bauvorhaben nicht eine finanzielle Überlastung der Genossenschaft mit sich bringen würde, andere befürchteten, dass sich die bis dahin niedrigen Nutzungsgebühren für die Wohnungen erhöhen würden und forderten deshalb, dass die Neumieter nicht in die Genossenschaft aufgenommen werden und damit nicht in den Genuss von günstigen Mieten kämen. Die Bewohner des Lindenhofs hatten sich aufgrund der etwas abgeschiedenen Lage bis dahin zu einer starken, fast schon eingeschworenen Gemeinschaft zusammengefunden, die in verschiedenen Ausschüssen und Kommissionen das genossenschaftliche Leben im Lindenhof organisierte und zudem über ein sehr reges Vereinswesen verfügte – der Lindenhof war zu einem Ort der gelebten Demokratie geworden, wo sich jeder Bewohner in verschiedener Weise und unterschiedlichen Graden einbringen konnte. Die Zweifler unter den Genossenschaftsmitgliedern konnten sich jedoch nicht durchsetzen und die Erweiterung war bald beschlossene Sache: Im April 1929 erfolgte der Baustart für 237 1,5- bis 2,5-Zimmer-Wohnungen im nördlichen Teil der Eythstraße.

Die Geschäftsstelle der Genossenschaft Lindenhof zog bereits im Dezember 1929 in ihre neuen Räume in der Eythstraße 32, ab Januar 1930 konnten dann die Wohnungen bezogen werden, wobei die neuen Mieter bis Ende 1931 vollständig der Genossenschaft beitraten. Und diese hatten Glück mit der Ausstattung ihrer Wohnungen, insbesondere mit der Zentralheizung, die den Neubau mit Wärme und Warmwasser versorgte, denn der zweite Erweiterungsbau, der 1930/31 in der Bessemerstraße entstand, konnte wegen einer städtischen Notverordnung infolge der Weltwirtschaftskrise nur noch mit vereinfachten Standards wie z.B. Ofenheizung und vor allem kleineren Wohnungen errichtet werden.

Die Weltwirtschaftskrise wirkte sich nicht nur auf die Bauausführung der Lindenhof-Erweiterung aus, sondern hinterließ ihre Spuren auch bei den Bewohnern. Im Oktober 1932 war bereits jeder fünfte Haushalt im Lindenhof von Arbeitslosigkeit betroffen, wobei die Neumitglieder in den Erweiterungsbauten davon stärker betroffen waren. Zwar hatten so namenhatfte Betriebe wie Maggi, Schultheiß, Opel oder auch die große Malzfabrik direkt im angrenzenden Industriegebiet ihre Produktionsstandorte, doch aufgrund der Wirtschaftskrise wurden Arbeiter nur noch entlassen, anstatt neu eingestellt. Die Genossenschaft beschloss angesichts der immer prekäreren Lage ihrer Mitglieder, ab November 1932 in den Kellerräumen der Domnauer Straße 21 eine Suppenküche einzurichten, wo bis zu 800 Mahlzeiten am Tag ausgegeben werden konnten, um die schlimmsten Folgen der Erwerbslosigkeit zu lindern – auch dieses Projekt wurde in genossenschaftlicher Eigenregie organisiert und überwiegend von ehrenamtlichen Helfern auf die Beine gestellt. Allerdings sollte die Suppenküche das vorläufig letzte genossenschaftliche Projekt des Lindenhofs und nur von kurzer Dauer sein, denn nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten im Januar 1933 wurde die Notstandsküche in das NS-Winterhilfswerk eingegliedert sowie der Genossenschaftsvorstand mit regimetreuen Personen besetzt. Auch das im Erweiterungsbau in der Bessemerstraße ansässige Gasthaus Fintel, hier eine Aufnahme aus dem Eröffnungsjahr 1930, wurde im Rahmen von Gleichschaltung und Ideologisierung zu einem SA-Lokal umgewidmet.

Die Gegend um Eyth- und Bessemerstraße hatte im Zweiten Weltkrieg, bedingt durch die Lage in unmittelbarer Nähe zu den Gleisanlagen am Priesterweg und zum Flughafen Tempelhof, enorme Schäden durch Bombenangriffe erlitten. Die nach Kriegsende noch intakten Bauteile entlang der Bessemerstraße wurden im Juli 1945 von den sowjetischen an die amerikanischen Truppen übergeben und bis Ende 1946 von diesen als Kaserne genutzt, bis das neue US-Hauptquartier in den Lichterfelder McNair-Barracks bezogen werden konnte – die „neuen Nachbarn“ waren bei den Lindenhofbewohnern jedoch größtenteils unbeliebt. Die beschädigten Gebäudeteile in der Bessemer- und Eythstraße wurden zunächst provisorisch instandgesetzt und notdürftig bewohnbar gemacht, teilweise in Eigenregie durch die Bewohner, bis der offizielle Wiederaufbau des Lindenhofs in den 1950er-Jahren auch hier wieder für intakte Wohnungen sorgte. Das angrenzende Industriegebiet wiederum erfüllte in der Nachkriegszeit eine doppelte Funktion für die Lindenhofbewohner, da zum einen auf dem zerbombten Areal Nahrungsmittel wie Tütensuppen der zerstörten Maggi-Fabrik zu finden waren, andererseits nahmen die Industriebetriebe nach und nach wieder die Produktion auf und boten damit Beschäftigungsmöglichkeiten, primär für die weiblichen Lindenhofbewohner als Teilzeit- und Aushilfskräfte. Auf dem Gelände des ehemaligen Maggi-Werks entstand im Zuge des Wiederaufbauprogramms 1955 schließlich die Michaelskirche, womit auch die Lindenhofbewohner endlich eine eigene Kirchengemeinde hatten.

Im Gegensatz zum alten Lindenhof, der infolge Kriegsschäden einige Veränderungen am Erscheinungsbild verkraften musste, änderte sich in den Erweiterungsbauten in der Eyth- und der Bessemerstraße nicht viel, wenn man von mehreren Sanierungswellen und unterschiedlichen Fassadenfarben einmal absieht. Die aktuelle, nun unter Denkmalschutz stehende und aus der Wiederaufbauzeit stammende Farbgebung der Fassaden in markantem Rot und Grün wurde 2018 nach einer Begehung mit der Denkmalschutzbehörde und einem Sachverständigen veranlasst.

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