100 JahreLindenhof

Stele 5 – Weiher/Park

Architektonisches Vorbild für den Lindenhof ist die Gartenstadt-Idee, die Ende des 19. Jahrhunderts in England entstanden ist. Zu diesem Konzept gehört neben den Mietergärten zur Selbstversorgung auch ein Bereich, der der Erholung der Bewohner dient. Dafür schuf Leberecht Migge, den Martin Wagner mit der Gestaltung der Außenanlagen des Lindenhofs beauftragt hatte, einen zentralen Park in der Mitte der Siedlung, der sich um einen neu geschaffenen Weiher gruppiert. Für den See wurden die eiszeitlichen Seen „Dorfpfuhl“ (links im Hintergrund) und „Kleine blanke Helle“ (rechts vorne) durch Ausschachtung zusammengelegt und im östlichen Bereich des Weihers eine Badestelle, im westlichen Bereich eine Bootsanlegestelle eingerichtet. Leberecht Migge gliederte den Park um den Weiher in einen „Ruhe-Hain“, der im westlichen Teil für Ruhe und Entspannung sorgen sollte, und einen eher belebten Bereich im östlichen Teil, wo auch ein Festplatz angelegt wurde. Verbunden wurden beide Areale durch eine von Hecken und Weiden gesäumte Uferpromenade, die den Weiher umrundete. Eine Aussichtsterrasse mit zwei symmetrisch angeordneten Treppen zum Wasser im Nordosten des Sees ergänzte die Gesamtanlage und eröffnete einen Rundumblick über den Weiher und Park.

Park und Weiher entwickelten sich schnell zu einer „grünen Oase“ in der Siedlung und erfreuten sich großer Beliebtheit, insbesondere bei den Kindern als Ort zum Baden und Herumtoben nach Schulschluss. Die Erwachsenen hingegen fanden Entspannung und Zerstreuung in der weitläufigen Parkanlage und in der Gaststätte „Lindenhof“, die seit Mitte der 1920er-Jahre an der Ecke Arnulfstraße/Röblingstraße die Siedlungsbewohner bewirtete. Die Gaststätte, die im Zweiten Weltkrieg zerstört und nicht wieder aufgebaut wurde, diente auch dem nachbarschaftlichen Zusammenkommen der Lindenhofbewohner, zum Beispiel beim Chorsingen oder Kartenspielen. Als Highlight fanden ab 1923 die jährlichen Sommerfeste auf dem Festplatz am Weiher statt, die von den – nun zu Genossenschaftsmitgliedern gewordenen – Lindenhofbewohnern selbst veranstaltet und organisiert wurden. Auf dem Bild von 1926 sind Kinder aus der Siedlung zu sehen, die sich anlässlich des Sommerfestes „in Schale schmissen“ und einen Wagenumzug veranstalteten.

Die Machtergreifung der Nationalsozialisten veränderte ab 1933 auch das Leben im Lindenhof spürbar. So wurde nicht nur bereits im März 1933 der Genossenschaftsvorstand abgesetzt und in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in das Gestapo-Gefängnis in der Papestraße verschleppt, sondern die bislang unpolitischen, freizeitorientierten Sommerfeste wurden politisch indoktriniert und zur Verbreitung und Festigung des nationalsozialistischen Gedankenguts genutzt. Die Falken, eine SPD-nahe Jugendorganisation, die seit 1929 in den Räumen einer ehemaligen Tischlerei am Weiher zu Hause war und Jugendtreffs sowie Ausflüge in die nähere Umgebung Berlins organisierte, wurden im Sommer 1934 regelrecht vertrieben und durch das Jungvolk der Hitlerjugend ersetzt. Die genossenschaftliche Idee, die den Lindenhof prägte, wurde durch den neuen, linientreuen Vorstand immer weiter zurückgedrängt und die nachbarschaftliche Gemeinschaft erodierte nach und nach. Die Folgen dieser Epoche deutscher Geschichte, nämlich Krieg und Zerstörung, verschonten auch den Lindenhof nicht. Die Kriegsschäden an den Gebäuden als auch an Park und Weiher wurden im Rahmen der Wiederaufbauarbeiten in den 1950er-Jahren beseitigt, wobei die westliche Hälfte des Sees zum Angeln und Rudern freigegeben wurde.

Eine Veränderung erfuhren Park und Weiher in den späten 1960er-Jahren. Anlässlich des 50-jährigen Bestehens der GeWoSüd im Jahr 1969 wurde am westlichen Ende des Parks eine Hochhaus-Anlage mit insgesamt 81 Wohnungen errichtet. Dafür musste der Weiher geringfügig verkleinert werden, damit auf dem Parkgelände zwischen See und Röblingstraße Baufreiheit geschaffen werden konnte. Als Architekten der Hochhäuser zeichnete das Duo Werner Sobotka und Werner Müller verantwortlich, die bereits den Wiederaufbau des Lindenhofs und weitere Neubauprojekte der GeWoSüd umgesetzt hatten.
Ebenfalls in den 1960er-Jahren kam es auch zu Neuerungen im Bereich der nachbarschaftlichen Aktivitäten im Lindenhof. Die AWO eröffnete 1969 einen neuen Jugendclub, genau gegenüber der früher von den Falken genutzten ehemaligen Tischlerei, der bis heute den Kindern und Jugendlichen im Lindenhof eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung am Nachmittag ermöglicht. Auch um die jährlichen Parkfeste kümmerte sich nun die AWO, die dadurch eine Renaissance erlebten und sich bis heute als Publikumsmagnet unter den Genossenschaftsmitgliedern erweisen.

Mit der letzten großen Weiher- und Parksanierung um die Jahrtausendwende zog sich die AWO mit ihren Aktivitäten sukzessive aus dem Lindenhof zurück und das nachbarschaftliche Miteinander verlagerte sich wieder in die Hände der Genossenschaft. Der ehemals von der AWO betriebene Seniorentreff in der Reglinstraße wurde zweimal aufwendig saniert und steht heute als GeWoHiN allen Genossenschaftsmitgliedern für Freizeitaktivitäten zur Verfügung. Die Parkfeste werden nun von der Fest-AG organisiert, in der sich viele Lindenhofbewohner ehrenamtlich engagieren und dadurch jedes Jahr für das erfolgreiche Gelingen der Sommerfeste sorgen. Und seit 2019 gibt es in der ehemaligen Tischlerei das neueste Genossenschaftsprojekt der GeWoSüd: Unser GeWoSelbst, wo Mitglieder in Eigenregie Veranstaltungen, Vorträge oder Selbsthilfegruppen durchführen können, wie zum Beispiel der Sprachworkshop für Englisch oder die Handykurse für Senioren, die sehr gut angenommen werden.

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